Gendern in der Unternehmens-kommunikation?

von Lisa Krawczyk

Kürzlich habe einen Beitrag auf Facebook gelesen, in dem über gendergerechte Sprache diskutiert wurde. Welches Medium habe ich vergessen. In Erinnerung geblieben ist mir allerdings die Kommentarspalte.
Kommentar 1: „Alles nur Gewöhnungssache.“
Kommentar 2: „An Heil Hitler! haben sich die Menschen auch schnell gewöhnt.“

Well, that escalated quickly. Die Gender-Debatte erregt die Gemüter, und das nicht nur unter Trolls in den sozialen Medien.

Gendern wird im Sprachbild als unästhetisch empfunden?
Über Geschmack lässt sich streiten. Über Geschlechtergerechtigkeit nicht.

Der Journalistinnen Bund setzt sich mit „Genderleicht“ für mehr Gendersensibilität im Journalismus ein, die Gesellschaft für deutsche Sprache e. V. hat geschlechtergerechte Sprache zu einem Schwerpunkt erklärt und die Online-Version des Dudens wird nun gegendert. Im starken Kontrast dazu hat der „Verein Deutsche Sprache“ eine Petition gegen den „Gender-Wahnsinn“ ins Leben gerufen, bietet für den Internetbrowser einen Gender-Sternchen-Filter an und achtet dennoch selbst peinlich genau bei der Auflistung der Personen, die die Petition unterschrieben haben (in der großen Mehrzahl übrigens männlich, nur mal so am Rande) darauf, immer die korrekte männliche oder weibliche Berufsbezeichnung zu nennen. Journalist und Buchautor Andreas Hock betitelt Gendern als „Attentat auf Ästhetik, Schriftbild und Kommunikationskultur unserer Sprache“. Unter fünf befragten Personen war er übrigens die einzige, die das so sah. Und komischer Weise der einzige weiße Mann. Ob da ein Zusammenhang besteht? Davon abgesehen – wer entscheidet, was ästhetisch ist? Was Einzug in die Kultur erhält? Die Menschen. Und davon sind rund die Hälfte eben weiblich.

Sich nicht für das Gendern zu entscheiden = sich dagegen zu entscheiden?

Eben weil das Thema Gendern aktuell heiß diskutiert wird, kann ich aus Unternehmenssicht verstehen, dass so manche Kommunikationsabteilung hier Vorsicht walten lässt. Schließlich sollen keine Kunden vergrault werden. Deswegen will sich nicht jedes Unternehmen, das ein politisch unmotiviertes Produkt vertreibt oder eine Dienstleistung anbietet, öffentlich politisch positionieren. Dabei zeigen die jüngsten Entwicklungen aber, dass die Konsumentinnen und Konsumenten diese Erwartung haben. Nicht jedes Unternehmen muss zu Black Lives Matter, zur gleichgeschlechtlichen Ehe oder anderen Themen Stellung beziehen. Aber jedes Unternehmen muss seine Mitarbeitenden und Kundschaft  ansprechen. Sich dabei nicht für das Gendern zu entscheiden, kann dabei wie eine bewusste Entscheidung dagegen aufgefasst werden, auch wenn Sie das vielleicht nicht unbedingt ist.

Aus diesem Grund: Unternehmen sollten, meiner Meinung nach, gendern. Das heißt jetzt nicht, dass sie mit dem Gender-Sternchen um sich werfen sollen wie der Weihnachtsmann mit den Nüssen. Das ist ein Prozess. Es gilt genau zu überlegen: Wer ist unsere Zielgruppe? Wie spreche ich sie wann an? Und sicherlich gilt es, Gendersensibilität zunächst intern zu etablieren, bevor sie extern ausgelebt wird.

Ein Positivbeispiel ist Hertha BSC. Obwohl Fußball stereotypisch eine Männerdomäne ist, gendert der Verein konsequent in seinen Presseinformationen und auf seiner Website. Alle Fans sind hier Fußballliebhaberinnen und -liebhaber.

Unternehmen brauchen Frauen, also müssen Unternehmen Frauen ansprechen

Ein Großteil unserer Kundschaft stammt aus männerdominierten Branchen. Wo die große Mehrheit der Adressatenschaft männlich ist, reicht da nicht das generische Maskulinum vollkommen aus? Können sich die wenigen Frauen davon nicht mitgemeint fühlen? Nein. Im Allgemeinen nicht und in diesem Kontext im Speziellen nicht. Bei Stellenanzeigen ist zumindest die Berücksichtigung aller Geschlechter (m/w/d) längst vorgeschrieben. Es macht ja auch Sinn: Diverse Teams sind nachweislich erfolgreicher. Und in vielen Branchen – und viele davon aus den traditionell männerdominierten MINT-Berufen – herrscht verheerender Fachkräftemangel, den Unternehmen beispielsweise ohne die Beschäftigung von Frauen nicht bekämpfen können werden. Damit diese sich angesprochen fühlen, muss in den Unternehmen einiges getan werden, etwa die Schaffung besserer Vereinbarkeit von Familie und Beruf, durch flexible Arbeits(zeit)gestaltung oder eben auch einfach die sprachliche Repräsentation. Veränderung findet nicht einzig über die Sprache statt, aber eben auch. Es geht um Eindeutigkeit, Repräsentation und Anti-Diskriminierung.

Es gibt nicht „die eine richtige Art“ zu gendern

Dabei behaupten viele, gendern mache Texte weniger verständlich. Das ist a) in verschiedenen Studien widerlegt worden und b) eine faule Ausrede. Es ist immer einfacher so weiterzumachen, wie bisher. Aber nicht immer richtig. Doch welche Art zu gendern, ist die richtige? Das berühmt-berüchtigte Sternchen? Das Binnen-I? Immer männliche und weibliche Formen auszuschreiben? Oder doch neutrale Bezeichnungen wählen? Unterschiedliche Arten des Genderns bieten verschiedene Vorteile und Nachteile (siehe Übersicht). „DIE“ richtige Lösung gibt es nicht. Es kommt immer auf die Zielgruppe an, auf das Medium (gesprochene versus schriftliche Sprache, gedrucktes Wort versus digitales Wort. Es kommt aber auch nicht darauf ein, die perfekte Lösung parat zu haben. Vielleicht ist der geführte Diskurs wichtiger als eine schnelle, einheitliche Lösung.

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